Hufrehe im Frühjahr: Ursachen, Symptome und wie du dein Pferd schützt
Das stille Frühjahrsrisiko: Wenn Weidegras zur Gefahr wird
Jedes zehnte Pferd erkrankt mindestens einmal im Jahr an Hufrehe – laut einer britischen Studie genauso häufig wie an Kolik. Und trotzdem unterschätzen viele Pferdebesitzer das Risiko, das mit dem ersten Weidegang im Frühjahr beginnt. Gerade jetzt, im April und Mai, wenn das Gras frisch und saftig aussieht, ist die Gefahr am größten.
Hufrehe ist keine Lapalie. Sie gilt nach der Kolik als häufigste zum Tod führende Erkrankung beim Pferd – das belegen veterinärmedizinische Quellen bereits seit Jahrzehnten. Wer die Warnsignale kennt und versteht, warum ausgerechnet der Frühling gefährlich ist, kann seinem Pferd möglicherweise einen Notfall ersparen.
Was bei Hufrehe im Huf passiert
Hufrehe ist medizinisch eine Pododermatitis aseptica – eine aseptische Entzündung der Huflederhaut (Lamellenschicht zwischen Hufbein und Hufkapsel). Diese Lamellen sind für die Verbindung zwischen Hufbein und Hufhorn zuständig. Entzünden sie sich, wird die Durchblutung des Hufes gestört.
Da sich die Hufkapsel nicht ausdehnen kann, entsteht ein enormer Druckschmerz. In schweren Fällen verliert das Hufbein seinen Halt und rotiert oder sinkt nach unten – im schlimmsten Fall durchbricht es die Hufkapsel. Das Ergebnis ist eine lebenslange Erkrankung oder, wenn die Lebensqualität des Pferdes nicht mehr erhalten werden kann, die Euthanasie.
Entscheidend für den Verlauf ist die Zeit: Bereits nach 48 bis 72 Stunden ohne Behandlung sprechen Tierärzte von einer chronischen Hufrehe, die das Pferd dauerhaft beeinträchtigen kann. Diese Zeitspanne macht Hufrehe zu einem echten Notfall.
Warum gerade April und Mai so gefährlich sind
Die häufigste Form ist die sogenannte Futterrehe, ausgelöst durch die plötzliche Aufnahme großer Mengen an rasch fermentierbaren Kohlenhydraten. Im Frühjahr ist der Hauptverursacher das Fruktan im Weidegras.
Fruktane sind pflanzliche Reservekohlenhydrate. Eine Doktorarbeit am Institut für Tierernährung der Tierärztlichen Hochschule (TiHo) Hannover aus dem Jahr 2003 zeigte: Im Frühjahr und Herbst ist der Fruktangehalt im Gras deutlich höher als im Sommer – mit starken Schwankungen innerhalb einzelner Wochen.
Besonders riskant sind kühle Nächte mit frostnahen Temperaturen, gefolgt von sonnigen Tagen. Das Gras produziert tagsüber durch Photosynthese Fruktan, kann es wegen der Kälte jedoch nicht für das Wachstum nutzen und speichert es stattdessen. Das Ergebnis: außergewöhnlich hohe Fruktangehalte im Gras an sonnigen Frühjahrsmorgen.
Laut Forschungsergebnissen der Landwirtschaftskammer NRW in Zusammenarbeit mit der TiHo Hannover gilt: Je kälter die Nacht und je stärker die Sonneneinstrahlung am Morgen, desto höher der Fruktangehalt – und desto größer das Risiko für empfindliche Pferde.
Im Dickdarm des Pferdes werden die Fruktane durch Bakterien rasch fermentiert. Dabei entstehen Milchsäure und andere Stoffwechselprodukte. Der pH-Wert sinkt, die Darmschleimhaut wird geschädigt, und Bakteriengifte gelangen in den Blutkreislauf. Dort wirken sie auf die Blutgefäße im Huf – die Folge ist die typische Entzündungskaskade der Hufrehe.
Welche Pferde besonders gefährdet sind
Nicht jedes Pferd reagiert gleich. Bestimmte Faktoren erhöhen das Risiko erheblich:
Equines Metabolisches Syndrom (EMS): Pferde mit Insulinresistenz reagieren besonders empfindlich auf zuckerreiches Futter und Gras. EMS betrifft vor allem übergewichtige Pferde mittleren Alters.
PPID (Cushing-Syndrom): Ältere Pferde ab etwa 15 Jahren sind durch die hormonellen Veränderungen besonders anfällig. Hufrehe ist eine häufige Folgeerkrankung von PPID.
Robustrassen und Ponys: Islandpferde, Fjordpferde, Haflinger und Welsh Ponys sind genetisch stärker disponiert als Warmblüter. Ihre Stoffwechsel sind auf Nahrungsknappheit ausgelegt – nicht auf energiereiches Kulturweidelgras.
Übergewicht: Jeder zusätzliche Körperfettanteil erhöht die Insulinresistenz und damit das Hufrehe-Risiko. Pferdebesitzer sollten den Body Condition Score (BCS) ihres Pferdes kennen und regelmäßig beurteilen.
Pferde ohne Weidegewöhnung: Ein Pferd, das den Winter über Heu gefressen hat und plötzlich auf frische Weide kommt, ist einem besonders hohen Risiko ausgesetzt. Der Darm hat keine Zeit, sich anzupassen.
Symptome erkennen: Diese Anzeichen solltest du kennen
Hufrehe kann sich innerhalb weniger Stunden von einem frühen Warnsignal zur akuten Notlage entwickeln. Je früher du reagierst, desto besser die Prognose.
Frühe Anzeichen:
- Das Pferd entlastet die Vorderhufe, stellt die Beine nach vorne
- Zögernder Gang, Trippeln auf hartem Untergrund
- Warme Hufe, deutlich spürbarer Puls an der Fesselbeuge
- Schwitzen ohne erkennbaren Grund
- Erhöhte Atemfrequenz
Deutlichere Symptome im fortgeschrittenen Stadium:
- Das Pferd verweigert das Aufstehen oder liegt ungewöhnlich lange
- Ausgeprägte Lahmheit, besonders auf Kurven oder hartem Boden
- Das Pferd dreht sich kaum, weil jede Bewegung schmerzt
- Breitbeinige Entlastungshaltung
Bei auch nur einem dieser Anzeichen: sofort den Tierarzt rufen. Hufrehe ist ein veterinärmedizinischer Notfall.
Sofortmaßnahmen bei Verdacht
Bis der Tierarzt eintrifft, kannst du handeln – und damit den Verlauf möglicherweise beeinflussen:
1. Sofort vom Weidegang nehmen. Jede weitere Grasaufnahme verschlimmert die Situation.
2. Boxenruhe auf weichem Untergrund. Tiefsand, Sägespäne oder Stroh polstern die schmerzhaften Hufe. Harter Boden ist zu vermeiden.
Tipp für die Erholungsphase
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myFREEDM Therapie-Sohlen ansehen →3. Hufe kühlen. Kaltes Wasser oder Eiswasser über die betroffenen Hufe leiten. Kühlung wirkt schmerzlindernd und kann Entzündungsprozesse verlangsamen. Hinweis: In der Fachliteratur gibt es unterschiedliche Einschätzungen zur Kühlung – sprich daher mit deinem Tierarzt, ob und wie lange gekühlt werden soll.
4. Keine Schmerzmittel ohne Rücksprache. Schmerzmittel können das Pferd dazu verleiten, sich trotz Schmerzen zu bewegen – was die Situation verschlechtern kann.
5. Kein Kraftfutter, kein Gras. Bis zur tierärztlichen Abklärung nur Heu in üblicher Menge.
Prävention: So senkst du das Risiko im Frühjahr
Hufrehe ist in vielen Fällen vermeidbar. Die wichtigsten Maßnahmen für den Frühling:
Anweiden langsam starten. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) und Tierärzte empfehlen einen schrittweisen Übergang über mindestens zwei Wochen. Mit täglich 15–20 Minuten beginnen, die Zeit langsam steigern.
Weidezeitraum anpassen. Laut Empfehlungen der TiHo Hannover: In der frühen Weidesaison (Mai/Juni) ist der Nachmittag günstiger als der Morgen. Morgens ist der Fruktangehalt nach kühlen Nächten am höchsten.
Vor dem Weidegang Heu füttern. Ein gesättigtes Pferd frisst langsamer und weniger. Mindestens 1 kg Heu pro 100 kg Körpergewicht täglich gilt als Grundregel (TiHo Hannover).
Weidefläche eingrenzen. Paddock-Systeme oder Weidekörbe bei gefährdeten Pferden reduzieren die Grasaufnahme erheblich.
Körpergewicht im Blick behalten. Regelmäßige Bewertung des Body Condition Scores. Ein übergewichtiges Pferd sollte kontrolliert Gewicht abbauen – idealerweise vor der Weidesaison.
Risikopferde tierärztlich abklären lassen. Bei Verdacht auf EMS oder PPID sind Blutuntersuchungen sinnvoll. Eine frühzeitige Diagnose ermöglicht ein angepasstes Management.
Hufpflege in der Erholungsphase
Wer eine Hufrehe durchgestanden hat, weiß: Die Erholung ist ein langer Weg. Die Huflederhaut muss heilen, das Hufhorn regenerieren. Dieser Prozess dauert Monate – das Hufhorn wächst etwa 0,5 cm pro Monat.
In dieser Phase spielen drei Bereiche eine unterstützende Rolle: die mechanische Entlastung durch geeignete Einlagen, die äußere Hufpflege sowie die Nährstoffversorgung von innen. Alle drei ergänzen die tierärztliche Behandlung – ersetzen sie aber nicht.
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Häufige Fragen
Wie erkenne ich Hufrehe bei meinem Pferd?
Typische Anzeichen sind warme Hufe, ein deutlich spürbarer Puls an der Fesselbeuge, eine entlastende Vorbeinstellung und Bewegungsunwilligkeit. Im fortgeschrittenen Stadium verweigert das Pferd das Aufstehen. Bei jedem Verdacht sofort den Tierarzt rufen – Hufrehe ist ein Notfall.
Warum ist die Hufrehe im Frühjahr besonders häufig?
Im Frühjahr enthält Weidegras besonders hohe Mengen an Fruktan – einem rasch fermentierbaren Kohlenhydrat. Besonders hoch ist der Gehalt an kühlen Nächten mit frostnahen Temperaturen, gefolgt von sonnigen Tagen. Eine Doktorarbeit der Tierärztlichen Hochschule Hannover (TiHo, 2003) bestätigte die saisonalen Schwankungen.
Welche Pferde haben das höchste Hufrehe-Risiko?
Besonders gefährdet sind Pferde mit Equinem Metabolischen Syndrom (EMS), PPID (Cushing-Syndrom), Übergewicht sowie Ponys und Robustrassen. Auch Pferde, die plötzlich nach einer Winterpause auf Weidegang kommen, ohne langsame Gewöhnung, tragen ein erhöhtes Risiko.
Was kann ich tun, bis der Tierarzt kommt?
Das Pferd sofort vom Weidegang nehmen, auf weichem Untergrund (Sand, Stroh) ruhigstellen und die betroffenen Hufe mit kaltem Wasser kühlen. Kein Kraftfutter, kein Gras, keine Schmerzmittel ohne tierärztliche Anweisung. Bewegung so weit wie möglich einschränken.
Kann ein Pferd nach einer Hufrehe vollständig genesen?
Das hängt vom Schweregrad und der Behandlungsgeschwindigkeit ab. Bei frühem Eingreifen und konsequentem Management ist eine weitgehende Erholung möglich. Pferde, die einmal an Hufrehe erkrankt sind, bleiben jedoch zeitlebens anfälliger – das Risikomanagement muss dauerhaft angepasst werden.
Wie lange dauert es, bis der Huf nach einer Hufrehe wieder gesund ist?
Das Hufhorn wächst durchschnittlich etwa 0,5 cm pro Monat. Eine vollständige Erneuerung der Hufkapsel dauert daher 12 bis 18 Monate. Ergänzende Hufpflege und eine optimierte Nährstoffversorgung können den Prozess unterstützen – ersetzen aber nicht den regelmäßigen Hufschmied und die tierärztliche Kontrolle.
Quellenverzeichnis
- Pferde.de: „7 Dinge, die Du über Hufrehe wissen solltest", 2025 – zitiert britische Prävalenzstudie (1 von 10 Pferden)
- Doktorarbeit Institut für Tierernährung, Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo), 2003 – Fruktangehalte in Weidegräsern im saisonalen Verlauf
- Landwirtschaftskammer NRW / TiHo Hannover – Studie: Fruktane im Weidegras und Hufrehe-Risiko
- CVE Impulse, Pferd 2/2009 – Veterinärmedizinische Einordnung Hufrehe als zweithäufigste Todesursache beim Pferd nach Kolik
- Dr. med. vet. C. K. Becker, Tierärztliche Praxis für Pferde – Fruktangehalt und Jahreszeit, 2022
- Pododermatitis aseptica (Hufrehe) – Pferdepraxis Rödig, Fachtierärztliche Quelle, 2025
- Tierärztliche Hochschule Hannover: Fütterungsempfehlungen (Heu-Grundregel), publiziert über Fachberatungswebsite Ströh